Großenberg
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Heute wie vor vielen Jahren

Der kleine Glöckner von Großenberg

Elfjähriger Junge versieht wichtigen Dienst für die gesamte Dorfgemeinschaft

 Großenberg, ein Dorf auf der Ottensteiner Hochebene, das nicht viel von sich reden macht. Vor vielen Jahren aber hatte es eine Seltenheit aufzuweisen, von der man in weitem Umkreis sprach: einen elfjährigen Glöckner. Und heute hat das kleine Großenberg wieder einen so kleinen Glöckner, ebenfalls erst elf Jahre alt. Er zieht den Glockenstrang seit Beginn dieses Jahres und heißt genau so, wie der erstere; nämlich Klenke. Die “kleinen Glöckner“ der von dama1s und der von heute, sind Vater und Sohn. Robert Klenke ist stolz darauf, einen so wichtigen Posten in der Dorfgemeinschaft zu bekleiden, stolz aber sind auch die Großenberger auf ihn, wenn sie die Glocke hören oder ihm beim Läuten zuschauen.

Obwohl man tüchtig mit Erntearbeiten beschäftigt war, hatte sich unser Besuch unter den Einwohnern schon herumgesprochen, denn wir hatten uns telefonisch angekündigt. Die meisten Leute waren auf dem Felde, und die wenigen, die wir trafen, halfen uns, den kleinen Robert zu finden, was gar nicht einfach war, denn so ein Junge auf dem Lande hat in der Erntezeit schon manche Verpflichtung; auch wenn er Glöckner ist.

 

Der kleine Glöckner von Großenberg,

der elfjährige Robert Klenke, beim Läuten der Glocke.

Wir fanden Robert mitten unter vielen Schafen in einer Mulde am Lügder Weg. Dort hütete er nun seine Herde, obwohl erst wenige Minuten vorher der letzte Glockenschlag in der Dorfmitte verklungen war. „Es ist eben Erntezeit“, meinte Robert, „da muß man schon mit helfen. Und für die Schafherde haben wir sonst niemanden!“ Und dann erzählte er uns von seiner Arbeit unterm Glockenturm, den sein Großvater, August Klenke. 1926 als Bürgermeister des Dorfes bauen ließ, weil der Turm des Spritzenhauses unter der Bewegung zu sehr schwankte.„Hat damals 800 Mark gekostet“, erklärte uns Großvater Klenke, als wir Ihn über die Entstehung des Turmes befragten, der allein schon eine Seltenheit ist, denn kaum eine andere Gemeinde im Landkreis hat ein Ebenbild. Es ist ein Gitterturm aus Eisenstreben, fast wie ein Hochspannungsmast, nur breiter und nicht so hoch. Und oben hängt eben die Glocke, die Großenberger Betglocke, Totenglocke und „Zeitglocke“. „Sie ruft uns zur Andacht“, meint Großvater Klenke, „denn wir haben keine Kirche. Sie nennt aber auch den Bauern auf dem Feld die Zeit für die Mittagspause und für den Feierabend.“

„Wir Schüler müssen uns auf den Schulweg machen“, ergänzt der kleine Glöckner, „wenn es morgens läutet.“ Man war sehr betrübt, als der Glockenschlag in der Dorfmitte Im vergangenen Jahr eine Zeitlang nicht mehr zu hören war. August Frede aber konnte den Strang beim besten Willen nicht mehr täglich ziehen denn er Ist schon sehr alt. Einen Nachfolger zu finden aber war nicht einfach und wäre wohl bis heute ein erfolgloser Versuch geblieben, wenn nicht Bürgermeister Wöltje schließlich wieder den „kleinen Glöckner“ gefunden hätte.

Opa Klenke, der den Turm 1926 bauen ließ.

Aufnahmen (2) :                       Dewezet /An.

Robert Klenke versieht nun seinen Posten mit Begeisterung. Vom Vater trägt er eine Uhr in der Tasche, mit deren Hilfe er seiner Pflicht mit peinlicher Genauigkeit nachkommt. Auch morgens habe er noch nie die Zeit verschlafen, stellte er freudig fest. „Dem alten Glöckner August Frede habe ich früher schon manchmal die Läutekette gereicht“, erzählt er uns, „und dann hat er gesagt: ‚Junge, wenn ich mal nicht mehr kann, musst du läuten‘. Und so ist es gekommen!“

August Frede kann den Glockenturm, der zwölf Jahre lang dreimal täglich sein Ziel war, noch nicht vergessen, wenn ihn auch sonst schon manchmal das Gedächtnis verläßt. Und mehrmals am Tage läuft der Hochbetagte noch zum Turm und schaut ihn sich an. Ob morgens um sieben, mittags um zwölf oder abends um 19 Uhr: wenn der kleine Robert die Kette zieht, ist August Frede in der Nähe.

Nun, Robert hat natürlich noch viel über seine Arbeit zu erzählen, die ihm 60 Mark im Jahr einbringen soll. „Was ich mit dem Geld ‘anfangen werde, weiß ich noch nicht“, meint er unter anderem. Daß er aber auch die nächsten Jahre hindurch der kleine und vielleicht auch später noch der große Glöckner bleiben will, versicherte er mit lebhaftem Kopfnicken. Vielleicht solange, bis sein Sohn der dritte „kleine Glöckner“ von Großenberg namens Klenke wird. Die Einwohner wären dafür dankbar, denn die Glocke ist ihnen wertvoll und soll noch weitere dreißig Jahre zu hören sein. Die, Landwirtschaft aber auf der Hochebene bereitet soviel Arbeit, daß von den Erwachsenen kaum mehr jemand für die Glocke Zeit hat.  An.

(Quelle: Dewezet / Pyrmonter Nachrichten)

 
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